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„In Polen lernen die Leute, mit Naturschutz Geld zu machen”

Warschau – Im Nordosten Polens ist der größte Nationalpark des Landes entstanden – zugleich eines der bedeutendsten Feuchtgebiete der Welt

Mitten im Wald, 200 Kilometer nordöstlich von Warschau, lebt ein Eremit. Krzysztof Kawenczyński hat von zehn Jahren der polnischen Hauptstatd den flücken gekannt, weil er seine Ruhe haben wollte. Er brachte ein altes Holzhaus mit und stellte es in die Einsamkeit des Waldes. Doch er täuschte sich. Immer mehr Menschen kommen nun, um ihn zu sehen und seine Antiquitäten, die alten Bücher, das Plumpsklo, die Katzen, Pferde und Wiesen.

Die Einsiedler-Budy, die der 49-Jährige bewohnt, legt mitten in den Biebrza-Sümpfen im Nordosten Polens. Eine abgelegene Region, die sich aber zunehmend dem Tourismus öffnet. Der „Biebrzański Park Narodowy” ist der jüngster und mit 60 000 Hektar größte von 22 polnischen Nationalparks. Sein Markenzeichen ist der Fluss. Die Biebrza schlängelt sich in unzähligen Windungen erst Richtung Norden, dann geh Osten und Weißrussland. Im Frühjahr tritt sie über die Ufer und überschwemmt die Wiesen und Täler – in der Mitte des lang gezogenen Parks wird sie zu einen 20 Kilometer breiten See.

Der Biebrza-Nationalpark steht auch auf der „Ramsar-Konventionsliste” zum Schutz der wichtigsten Feuchtgebliete der Welt. In den Nasswiesen und Schilfdicksten, Moor- und Bruchwäldern leben rund 270 Vogelarten. Doppelschnepfe und Schwarzstorch nisten hier, aber auch mehr als 2000 Paare des von Aussterben bedrohten Seggenrohrsängers. Zwei Dutzen Wölfe, rund 500 Elche, außerdem Bibber und Ottern haben eine Nische gefunden.

Erst 1993, als das Gebiet unter Wissenschaftern längst international bekannt war, wurden die Sümpfe in den Rang eines Nationalparks erhaben. Das war eine politische Entscheidung, heißt es von Seiten der Umweltstiftung WWF, die 1991 eingeschaltet wurde, um das Projekt vorerzutreiben. „Es war ein guter Zeitpunkt”, sagt WWF-Projektleiter Przemek Nawrocki rückblickend. „Polen war sehr interessiert an seinem Ruf in der westlich-demokratischen Welt.” Für den künftigen EU-Beitritt się die Einrichtung des Nationalparks wichtig gewesen.

2000 Menschen leben in dem Parkgebiet, 150 000 in den angrenzenden Gemeinden – das ist die niedrigste Bevölkerungsdichte im Verwaltungsbezirk Podlaskie. Der WWF setzt auf die Förderung extensiver Landwirtschaft. Bestes Beispiel sind die „glücklichen Kühe” von Brzostowo. Rund 200 Tiere schwimmen und waten morgens durch die Biebrza, umlauf der anderen Selte zu weiden. Abends kommen sie zurück – mal früher, mal später. Der Nebeneffekt: Die Wiesen wachsen nicht zu, bieten Platz für bestimmte Vogel- und Pflanzenarten. Der WWF hofft für diese traditionelle Form der Beweichung auf EU-Gelder.

„Wir wollten die Menschen ermutigen, mit Naturschutz Geld zu verdienen”, sagt Przemek Nawrocki. In Kursen konnten sich die Einwohner zu Parkführern qualifizieren. Mittlerweile seien etwa 150 Familien in Tourismusbereich aktiv. Sie fertigen holzgeschnitzte Souvenirs, vermieten Kanus oder betreiben ein Gästerhaus. Von den 85 Bed-and-Breakfast-Häusern gehört eines Krzysztof Kawenczyński.

Rund 50 000 Besucher sind 2001 gekommen, um die Tier- und Pflanzewelt auf Wanderwegen, per Kanu oder Fahrrad kennen zu lernen. Die meisten von ihnen sind Angler. Doch wieviel Tourismus verträgt der Park? Es gebe bereits Überlegungen, Teile der Wander- und Radwege nach außen zu verlegen, sakt Adam Sieńko, Leiter des Nationalparks. „Massentourismust wird es hier nicht geben.”

Als weit bedrohlichen für Tiere und Pflanzen könnte sich die so genannte Via Baltica herausstellen, eine Autobahn, die von Rostock über Danzig in die baltischen Staaten führen soll. Sollte sie, wie es die Politiker planen, einen Schlenker über das abgelegerie Białystok macen, würde sie nicht nur den Biebrza Nationalpark durchschneiden, sondern auch vier weitere Naturschutzgebiete.

Noch ist der Blick vom Aussichtsturm unverstellt. In der Dämmerung hastet eine Gruppe Niederländer mit Moskitonetz vom Gesicht durch den Park, um sie wenigstens einmal zu sehen: die Doppelschnepfe. Katarzyna Ramotowska, die mit ihrer kleinen Firma „Biebrza Eco-Travel” Führungen anbietet, kennt diese Art Ornithologen: „Sie kommen selbst aus Kanada, fliegen aus Warschau per Hubschrauber ein und nehmen sich 15 Minuten.” Vor ihnen wenigstens hat Krzysztof Kawenczyński seine Ruhe.

Isabel Farrich

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