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„Biebrza soll leben”

Der polnische Fluss Biebrza ist von der Quelle bis zur Mündung noch ungezähmt. Hier findet auch der Elch eines seiner letzten Rückzugsgebiete in Mitteleuropa. Und Ökotouristen unverfälschte Natur. Doch nun wird eine Autobahn projektiert.

Im Schilfwald tut sich etwas. Ein Kopf mit langgezogener Schnauze und zwei riesigen Ohren taucht aus dem wogenden Meer der Halme auf, äugt in alle Richtungen und verschwindet wieder. Kurze Zeit später wiederholt sich das Schauspiel in einiger Entfernung. Auf einer kleinen Lichtung wird der mächtige Vierbeiner in voller Grösse sichtbar. Es ist eine Elchkuh, begleitet von einem wenige Wochen alten Jungtier. Augenblicke später tauchen beide wieder ein in die dichte Vegetation.

Der Elch ist das grösste Tier im Biebrza-Nationalpark im Nordosten Polens. Eine Kuh bringt es auf bis zu zwei Meter Schulterhöhe und knapp 400 Kilo Körpergewicht, Hirsche können gar doppelt so schwer werden. Normalerweise haben Elche, abgesehen vom Menschen, keine Feinde. Selbst Wolf und Luchs würden sich nie an ein gesundes, ausgewachsenes Exemplar heranwagen. Kranke oder junge Tiere können dagegen eine Beute der beiden grössten Raubtiere der Region werden.

Im Volksmund wird die Biebrza auch polnischer Amazonas genannt. Der Vergleich hat was: Der 250 Kilometer lange Fluss ist der letzte von der Quelle bis zur Mündung ungezähmte Fluss Europas. Wie am Amazonas hebt und senkt sich der Wasserspiegel im Laufe des Jahres um mehrere Meter. Torfmoore, Wiesen und Wälder werden im Frühling überschwemmt und fallen im Herbst trocken.

Frühere Pläne zur Trockenlegung und Umwandlung der Sümpfe in landwirtschaftliche Nutzfläche wurden fallen gelassen. So blieb die Landschaft intakt. Luchs, Wolf, Otter, Schwarzstorch und Seeadler überlebten die Nachstellungen des Menschen. Alleine dem Biber, der dem Fluss den Namen gibt, ging es seines Pelzes wegen an den Kragen. Bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war der Nager ausgerottet. Er wurde später wieder angesiedelt.

Auch der Elch war einst ein beliebtes Jagdtier. Der Bestand wurde in den Notzeiten bis nach dem zweiten Weltkrieg fast vollständig dezimiert. Inzwischen konnte sich die Population durch aus dem Osten eingewanderte Tiere wieder erholen und zählt gegen 500 Tiere. Seinen Bewegungsdrang – pro Tag legt ein Elch bis zu sechs Kiloneter zurück – hemmen an der Biebrza keine Barrieren. Als das etwa bodenseegrosse Gebiet um den mäandernden Fluss 1993 zum Nationalpark erklärt wurde, schien seine Zukunft auf Dauer gesichert.

Intakte Natur

Doch nun steht ein Elchtest der besonderen Art. bevor. Seit dem EU-Beitritt Polens im Mai vergangenen Jahres stören kreischende Motorsägen die Ruhe am Rand des Nationalparks. Die vom Verkehrsministerium in Warschau angeordnete Rodung dient offiziell der Verbreiterung einer Strasse südlich des Schutzgebietes. Umweltschützer und Bewohner der Region argwöhnen allerdings, dass der Eingriff Fakten schaffen soll für eine umstrittenes Jahrhundertprojekt. Der fragliche Strassenabschnitt liegt auf der geplanten Via Baltica, einer vierspurigen Autobahn, die von Hamburg bis Helsinki verlaufen soll.

Gegen die geplante Streckenführung, die das Biebrza-Gebiet vom angrenzenden Narew-Nationalpark abzuschneiden droht, läuft der WWF Polen Sturm. Die Autobahn würde, so WWF-Direktor Ireneusz Chojnacki, eine <<permanente Störung für die Natur bedeuten, die Wanderwege der Elche und anderer Tiere zerstören und die Zerstückelung der Landschaft beschleunigen>>. Zudem befürchtet er eine Beeinträchtigung des Wasserhaushalts, weil das Gelände um den Strassendamm trockengelegt werden müsste. Chojnacki weiss andrerseits um die wirtschaftliche Bedeutung der neuen Verkehrsverbindung und lehnt sie nicht prinzipiell ab: <<Wir fordern eine Alternativlösung, die nördlich am Schutzgebiet vorbeiführt und sogar 30 Kilometer kürzer wäre als die geplante Trasse.>>

Auch in der Bevölkerung der Region stossen die Pläne aus Warschau auf Ablehnung. <<Die Natur der Biebrza mit ihrer einzigartigen Fauna und Flora ist unser Kapital. Wird sie zerstört, verlieren wir unsere Existenz>>, klagt Katarzyna Ramotowska. Die Biologin machte sich vor mehr als zehn Jahren selbständig und betreibt ein Touristikunternehmen mit gut einem Dutzend Angestellten.

Wir treffen Ramotowska kurz vor Einbruch der Abenddämmerung bei der Arbeit auf einem Beobachtungsstand im Nationalpark. Sie hat eine Gruppe Ornighologen aus Dänemark hierher geführt. Die gut zwei Dutzend Vogelliebhaber haben ihre Fernrohre auf einen bestimmten Punkt gerichtet. Über ihren Köpfen kreist bedrohlich eine dunkle Moskitowolke. Doch die Naturfreunde haben nur Auge und Ohr für ein Doppelschnepfenmännchen, das um die Gunst seiner Auserwählten balzt. Das Minnegezwitscher verzückt die Vogelexperten, denn kaum sonst wo bekommt man diese seltene Art. während der Brautwerbung vors Okular. Erst als der Rufer seine Bemühungen einstellt und er mangels Tageslicht ohnehin kaum noch zu erkennen ist, geben die Ornighologen auf und ziehen zerstochen, aber glücklich von dannen.

Przemek Nawrocki vom WWF Polen beobachtet das Geschehen hier mit gemischten Gefühlen. Einerseits wurmt ihn der Massenaufmarch, andrerseits weiss er um die Wichtigkeit des Tourismus für den Erhalt der Natur. <<Die Leute müssen etwas zurückbekommen, wenn sie die Natur schützen. Nur so akzeptieren sie Einschränkungen>>, sagt er.

Tourismus beschränken

Nawrocki, der das Schutzprojekt <<Biebrza>> bereits seit Jahren leitet, weiss, wovon er spricht. Als 1993 der Nationalpark ausgerufen wurde, zog sich der WWF wieder aus der Region zurück. <<Wir dachten, nun bestehen keine Gefahr mehr>>, erinnert sich der Umweltschützer. Doch dann gab es massiven Widerstand in der Bevölkerung. Der Unmut entlud sich in Wilderei und Gewalt an Parkeinrichtungen. Ein grosser Beobachtungsturm wurde in einer Nacht- und Nebelaktion zu Kleinholz.

Die Parkverwaltung wandte sich hilfe suchend an den WWF, und Nawrocki kehrte als <<Umwelt-Diplomat>> zurück an die Biebrza. Mit viel Überzeugungsarbeit glättete er die Wogen. Und so mancher Saulus wandelte sich zum Paulus. Wie etwa Zdislaw Dabrowski, Bürgermeister der Gemiende Trzcianne am südöstlichen Rand des Nationalparks. Der 46-jährige Landwirt, einst erklärter Gegner des Nationalparks, preist heute seine Vorzüge. Hauptgrund für den Sinneswandel sind nicht nur Umweltaspekte, sondern handfeste ökonomische Erwägungen. <<Im Tourismus liegt unsere wirtschaftliche Zukunft>>, sagt Dabrowski. Der Dorfchef will Trzcianne fit machen für die Feriengäste. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und hat bereits eine Pension sowie ein Freilichtmuseum auf seinen Grund geschaffen.

Einen Wandel im Bewusstsein der Bevölkerung konstatiert auch Nationalparkdirektor Adam Sienko. Er muss sich nicht mehr mit renitenten Gegnern des Schutzgebietes herumschlagen. Heute gehe es darum, den Andrang der Touristen in geregelte Bahnen zu lenken: <<Wir müssen uns überlegen, wie weit wir uns öffnen dürfen. Der Fremdenverkehr darf nicht zum Massentourismus verkommen.>>

Einig ist sich Sienko mit WWF-Direktor Chojnacki auch im Kampf gegen die Via Baltica durch die Biebrza: <<Der Nationalpark ist eine grosse Chance für die Entwicklung der Region, und die lassen wir uns von einer Autobahn nicht nehmen.>> Chojnacki macht politisch Druck: <<Derzeit versuchen wir die EU-Parlamentarier von unserem Anliegen zu überzeugen, denn ohne finanzielle Zuschüsse aus Brüssel kann die Autobahn nicht gebaut werden.>> Erste Etappensiege hat der WWF bereits verbucht: Eine bislang von der Regierung abgelehnte Umweltverträglichkeitspfüfung wurde in Auftrag gegeben und für das Vorhaben freigegebene Gelder der Weltbank sind vorerst eingefroren.

Bernhard Matuschak

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